Der Prozess gegen die kommunistischen Geheimpolizeichefs: Prügel für den Journalisten

Übergriffe auf Journalisten sind in Kroatien keine Seltenheit: Jetzt ist der Journalist Željko Peratović angegriffen worden, der gegen den ehemaligen jugoslawischen Geheimdienstchef Perković recherchiert hatte.

Frankfurter Rundschau » Politik, 02. Juni 2015

Von Norbert Mappes-Niediek

Auf den ersten Blick sieht es aus wie ein Nachbarschaftsstreit. Es ist noch früh am Tag. Drei Männer, schon sichtlich betrunken, gucken herausfordernd über den Zaun. Einer, schon älter, wirft sich herausfordernd in die Brust, stellt sich sogar mit vollem Namen vor, brüllt und pöbelt. Sie kommen herüber auf das Grundstück von Željko Peratović, dem wohl bekanntesten Enthüllungsjournalisten Kroatiens, rempeln, schlagen zu.

„Du hast geschrieben, dass wir illegal den Fluss hinter deinem Haus ausbaggern“, schimpft der Alte, „jetzt kriegst du sie!“ Und die drei schlagen zu. Einer greift sogar zu einem „scharfen metallischen Gegenstand“, erzählt Peratovic später. Der Schlag trifft ihn knapp über der Schläfe. Als sie von ihm ablassen, schleppt sich der Journalist blutend ins Haus, ruft die Polizei und einen Krankenwagen.

Ein Nachbarschaftsstreit? Peratović hat in den vergangenen Jahren über vieles geschrieben: über kroatische Kriegsverbrechen an Serben 1991, über Verbindungen zwischen Politik, Unterwelt und Geheimdiensten, zuletzt über den Prozess gegen Ex-Geheimdienstchef Josip Perković, der gerade in München geführt wird. Nicht geschrieben hat er über illegale Bagger hinter seinem Wochenendhäuschen in idyllischer Umgebung nahe der Stadt Karlovac.

Peratovic Karlovac Mordversuch

Željko Peratović: “Dabei war es ein Mordversuch”
foto: Mario Pušić

Morde des jugoslawischen Geheimdienstes

Željko Peratović recherchiert seit Jahren erfolgreich über die Morde des damaligen jugoslawischen Geheimdiensts unter Emigranten im Deutschland der 1980er Jahre. Über eine der Taten, den Mord an dem kroatischen Manager Stjepan Đureković in Wolfratshausen am Starnberger See, wird in München prozessiert. Der Hauptangeklagte, Josip Perković, hätte schon im Sommer 2013, gleich nach Kroatiens EU-Beitritt, nach Deutschland ausgeliefert werden sollen. Aber lieber riskierte die kroatische Regierung eine schwere Krise im Verhältnis zu Berlin, als dem Begehren nachzukommen.

In Zagreb standen Regierung und Opposition, sonst tödlich verfeindet, einträchtig hinter dem gut informierten Dunkelmann, der erst Tito und den Kommunisten diente und dann für das unabhängige Kroatien den Waffenschmuggel organisierte. Kurz vor der Attacke auf Peratović hatte das Münchner Gericht beschlossen, den Journalisten als Zeugen nach München zu laden.

Nach dem Anschlag ist der Krankenwagen rasch da. Die Polizei dagegen braucht für die zehn Kilometer aus der Stadt 35 Minuten. Auch als die Beamten endlich eintreffen, haben sie keine Eile. Seelenruhig fahren sie an den Schlägern vorbei, die es sich inzwischen in einer Kneipe gemütlich gemacht haben.

Später stellt Peratović fest: Die drei kommen, nachdem er ins Krankenhaus gebracht worden ist, zurück und dringen ins ungesicherte Haus ein. Erst am Nachmittag nimmt eine andere Streife die Täter, die keine Anstalten machen sich zu verstecken, endlich fest. Stunden später sind die Männer schon wieder frei.

„Angezeigt worden sind sie wegen Körperverletzung“, sagt Peratović, der sich gewehrt hat und so buchstäblich mit einem blauen Auge davonkam. „Dabei war es ein Mordversuch.“

Es ist nicht das erste gespenstische Erlebnis des Journalisten mit angeblichen Nachbarn. Vor Jahren stand die Polizei vor seiner Tür: Anonyme Leute von nebenan hätten ihn angezeigt, weil er seine kleine Tochter „unsittlich angefasst“ habe. Die Sache verlief im Sande, war aber geeignet, Peratović einen gehörigen Schrecken einzujagen.

Saša Leković gratuliert Željko Peratović als Preisträger für die beste investigative Reporter im Jahr 2014 Foto: Mario CUZIC/ZNA.HR

Saša Leković gratuliert Željko Peratović als Preisträger für die beste investigative Reporter im Jahr 2014
Foto: Mario ĆUŽIĆ/ZNA.HR

Schon damals vermutete er, die angeblich so wachsame Nachbarschaft könne etwas mit einem Mann zu tun haben, über den er regelmäßig schrieb: den früheren Geheimpolizisten Tomislav Karamarko. Dieser war gerade Innen- und damit Polizeiminister geworden und mochte es nicht, wenn man über seine Vergangenheit schrieb. Tomislav Karamarko ist inzwischen Vorsitzender der großen Oppositionspartei HDZ und will demnächst Regierungschef werden. Zu seinen besten Freunden zählt der Bürgermeister von Karlovac.

Geheimdienste spielen im Schatten des öffentlich ausgetragenen Polit-Streits in Kroatien immer noch eine große Rolle. Nicht weniger als fünf sind es an der Zahl; hinzu kommen Gruppen von Agenten, deren Paten inzwischen ausgeschieden sind, die aber ihre Kontakte und Informanten behalten haben und mal diesem, mal jenem ihre Dienste anbieten. Über die Szene zu schreiben, empfiehlt sich nicht. Im vorigen Sommer wurde der Enthüllungsjournalist Domagoj Margetić zusammengeschlagen. Am schlimmsten erging es seinem Kollegen Dušan Miljuš: Er wurde mit Baseball-Schlägern attackiert und erlitt etliche Knochenbrüche.

„Es würde mich nicht wundern, wenn es zwischen dem Perković-Prozess und dem Anschlag auf Željko Peratović einen Zusammenhang gäbe“, sagt Saša Leković, der Vorsitzende des kroatischen Journalistenverbandes, der scharf auf den Anschlag reagiert hatte. Übergriffe auf Journalisten seien keine Seltenheit. Es treffe vor allem die freien, die kritischen, sagt Leković, „die, die keinem der politischen Lager zuzurechnen sind“. Jetzt im Wahljahr, fürchtet er, werde die Lage möglicherweise noch eskalieren.

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