Journalist Peratović: Strippenzieher schon vor dem Jugoslawienkrieg?

 Seit Beginn der Affäre Perković wird darüber wieder heftig diskutiert. An eine Frage aber trauen sich nur wenige wie der unabhängige Journalist Peratović heran: Was, wenn das Ende Jugoslawiens 1987, und damit vor den Kriegen, schon besprochen war – zumindest unter den Geheimdienstmitarbeitern, die es gewohnt sind Strippen zu ziehen und auch in einem unabhängigen Kroatien ihre Macht sicherstellen wollten? Doch Nachfragen dazu hatte Josip Perković vor dem Gespräch mit der DW ausgeschlossen.

 

KROATIEN

Ende der Affäre um Perković?

Zagreb will nach monatelangem Streit mit der EU-Kommission nun doch den ehemaligen Geheimdienstgeneral Josip Perković auf Grundlage eines Europäischen Haftbefehls nach Deutschland ausliefern.

23.01.2014

Deutsche Welle

Autor Frank Hofmann

 

Perković mit den Chefs UDBA vor dem Auseinanderbrechen Jugoslawiens in Belgrad

Perković mit den Chefs UDBA vor dem Auseinanderbrechen Jugoslawiens in Belgrad

Da steht er nun vor einem, im Büro seines Rechtsanwalts in der kroatischen Hauptstadt Zagreb: Josip Perković. Seit Jahren steht sein Name auf der Fahndungsliste der deutschen Polizei ganz oben. Die Auslieferung nach Deutschland deutet sich an diesem Tag schon an – deshalb kommt es zum ersten Fernsehinterview überhaupt. Perković gibt es der Deutschen Welle. Ein freundlicher Herr, 68 Jahre alt, den man sich gut als zufriedenen Großvater vorstellen kann. Ihm sei wichtig, sagt er, das Gespräch auf seine Aktivitäten gegenüber der kroatischen Exilanten-Szene im Ausland zu beschränken.
Genau wegen dieser Aktivitäten sucht ihn die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe. Vor allem seit dem 2008 am Oberlandesgericht München geführten Prozess wegen des Mordes an dem kroatischen Dissidenten Stjepan Đurekovic. Der Angeklagte wurde wegen Beihilfe zum Mord verurteilt und sitzt seither in einem bayerischen Gefängnis.

Der kroatische Exilant Đureković war 1983 in einer Garage in Wolfratshausen bei München erschossen worden, wo anti-jugoslawische Schriften gedruckt worden waren. Doch Đurekovic war mehr als nur einer von vielen kroatischen Dissidenten in der alten Bundesrepublik. Vor seiner Übersiedelung arbeitete er als Marketingleiter des Ölkonzerns Ina – und als solcher soll er Kenntnisse über korrupte Geschäfte der jugoslawischen Eliten mitgebracht haben. In dem Münchener Prozess stellte das Gericht fest, dass Perković als Geheimdienstchef an dem Mord beteiligt gewesen sein soll.

Stimmt nicht, sagt Perković jetzt gegenüber der Deutschen Welle: “Mit Morden habe ich keinerlei Verbindung. Ich habe schon vor langer Zeit gesagt, dass ich absolut keine Berührungspunkte zu dem Mord an Đurekovic habe, und auch keine mit dem Tod eines anderen. Ich habe klassische nachrichtendienstliche Arbeiten verrichtet, das heißt der Schutz des kroatischen Territoriums und natürlich der kroatischen Bürger.”

Perković hatte zu dem später ermordeten Đurekovic Kontakt

Doch im Gespräch gibt er zu: Der Verurteilte im Münchener Đurekovic-Prozess war einer seiner informellen Mitarbeiter. Einmal im Jahr habe er mit ihm telefoniert, um Informationen zu gewinnen für seine Abteilung II des Geheimdienstes SDS in Zagreb, die für die Beobachtung der kroatischen Migranten-Szene im Ausland verantwortlich war.

Jahrelang hat Perković Exilkroaten in der alten Bundesrepublik bespitzeln lassen, mit “nachrichtendienstlichen Methoden, die nicht gewaltsam sind”, sagt er. In der Bundesrepublik lebten viele Dissidenten, die ein vom sozialistischen Jugoslawien unabhängiges Kroatien forderten. Sie hatten ein breites Spektrum: Rechtsextreme Nationalisten mit einem zweifelhaften Verhältnis zur faschistischen Vergangenheit Kroatiens als Verbündeter Nazi-Deutschlands, aber auch antikommunistische Bürgerrechtler wie es sie in ostmitteleuropäischen Ländern gab. Diese arbeiteten mit friedlichen Mitteln an ihrem Ziel: Ein Ende des sozialistischen Jugoslawiens und ein unabhängiges, demokratisches Kroatien. “Viele” Agenten, sagt Perković, habe er in Deutschland geführt. In Zagreb heißt es, er sei nicht ohne Eitelkeit der Führungsoffizier mit den meisten Mitarbeitern im Ausland gewesen. Ein Geheimdienstmann, der im Hintergrund die Strippen zog und das Licht der Öffentlichkeit immer scheute.

Zeugenaussagen vor dem Gericht München belasten Perković

Genau das könnte ihm jetzt zum Verhängnis geworden sein: 2006 wollte Josip Perković gegenüber den Ermittlern des Landeskriminalamtes in München keine Aussage machen, die Vorladung habe er “ausschlieβlich aus gesundheitlichen Gründen” abgelehnt. Das Gericht hörte dagegen einen Zeugen, der Perković schwer belastete: Den ehemaligen jugoslawischen Geheimdienstler Vinko Sindičić, der wegen eines Mordversuchs in Schottland verurteilt worden war und heute in der Nähe von Mailand leben soll. Er hat in einer eidesstattlichen Versicherung gegenüber einem Notar in Italien seine damaligen Aussagen vergangene Woche zurückgezogen, allerdings wohl nicht gerichtsfest.

Schillernd ist Sindičić allemal, weshalb der vorsitzende Richter beim Münchener Đureković-Prozess, Bernd von Heintschel-Heinegg , gegenüber der Deutschen Welle auch klar machte, dass man sich intensiv mit ihm auseinandergesetzt habe. Auch mit der Frage, ob denn nun Zweifel an der Glaubhaftigkeit dieser Zeugenaussage bestünden. “Wir sind zu dem Ergebnis gekommen, dass die Angaben, die er bei uns gemacht hat, korrekt waren.”

Britische Zeitungen über die Attentäter kommunistischen Geheimpolizei Vinko Sindičić

Britische Zeitungen über die Attentäter kommunistischen Geheimpolizei Vinko Sindičić

Der notarielle Widerruf Sindičićs ging per Post an den Generalstaatsanwalt in Zagreb, auch an Perkovićs Anwalt. Der verneint im Gespräch die Frage, ob er diesen Schachzug veranlasst habe. So kam es auch ganz offensichtlich zu jener Abstimmung am Freitag, 29. Juni 2013, als das kroatische Parlament nur drei Tage vor dem EU-Beitritt des Landes ein Gesetz verabschiedete, nachdem in Kroatien der Europäische Haftbefehl nur für Taten nach 2002 gelten sollte. Perkovićs Auflieferung wurde so verhindert. Eine “Lex Perkovic”, die in Brüssel ungläubiges Staunen hervorrief und manchem Beamten die Zornesröte ins Gesicht trieb: Acht lange Jahre hatte die EU-Kommission mit Kroatien über den Beitrittsvertrag verhandelt und ihn durchgesetzt gegen zum Teil immer kritischer werdende Regierungen in den Mitgliedsstaaten.

Schachzüge hinter den Kulissen

Sein Sohn Sascha arbeitet als Berater für den kroatischen Präsidenten Ivo Josipović. Der sozialliberale Jurist und Komponist steht seit seiner Amtsübernahme 2010 im Ruf, ein Mann des Ausgleichs zu sein im schwierigen Verhältnis der Balkan-Staaten nach den Jugoslawien-Kriegen der 90er Jahre. In der Affäre Perković hält sich Kroatiens Präsident aber auffällig zurück. Bekannt ist, dass viele alte Geheimdienstler noch heute gut vernetzt in Kroatien sind.

Perković Goreta

Josip Perković und Frane Goreta – freundliche Handhabung. Vor dem Krieg Goreta spielte extreme Kroaten.

Noch vor Beginn des Krieges Anfang der 90er Jahre hatten sich Josip Perković und andere Geheimdienstleute des kroatischen Teils im jugoslawischen Geheimdienst UDBa offenbar entschlossen, die Unabhängigkeit Kroatiens und den späteren Präsidenten Franjo Tuđman zu unterstützen. “Er hat ihm den Pass in die Hand gedrückt, mit dem Tuđman 1987 nach Kanada geflogen ist”, um Unterstützer für die kroatische Sache zu mobilisieren, sagt der Zagreber Journalist Željko Peratović. Danach schmiedete Tuđman eine Allianz kroatischer Gegner Jugoslawiens auf der einen und ehemaliger kommunistischer Funktionäre wie Josip Perković auf der anderen: Für das unabhängige Kroatien.

Strippenzieher schon vor dem Jugoslawienkrieg?

Seit Beginn der Affäre Perković wird darüber wieder heftig diskutiert. An eine Frage aber trauen sich nur wenige wie der unabhängige Journalist Peratović heran: Was, wenn das Ende Jugoslawiens 1987, und damit vor den Kriegen, schon besprochen war – zumindest unter den Geheimdienstmitarbeitern, die es gewohnt sind Strippen zu ziehen und auch in einem unabhängigen Kroatien ihre Macht sicherstellen wollten? Doch Nachfragen dazu hatte Josip Perković vor dem Gespräch mit der DW ausgeschlossen.

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