Klan Špiljak und Pavle Gaži: Đureković wurde außerplanmäßig ermordet

So etwas konnte nur, sagen wir, Vanja Špiljak anstellen, der Sohn von Mika Špiljak, der sich bei INA mit der Beschaffung von Öl im Ausland befasste und Verbindungen zur Bundesregierung hatte, wo bestimmte Quoten für den Ölimport genehmigt wurden und wo sich auch die strategischen Pläne zu den Reserven befanden

 

PAVLE GAŽI

Đureković wurde außerplanmäßig ermordet

Feral Tribune, 25. Juli 2005.

Von Željko Peratović

Gaži Feral Peratović

Gründe für die Urteil für den Mord Djurekovic basierend auf diesem Interview (ž.p.)



    Vor einigen Wochen hat der deutsche Generalbundesanwalt Kay Nehm bekanntgegeben, dass ein Krunoslav Prates unter dem Verdacht festgenommen wurde, Beihilfe zur Liquidierung eines bekannteren kroatischen Emigranten, des früheren INA-Marketingchefs Stjepan Djureković geleistet zu haben, der nach den bisher zugänglichen Daten am 28. Juli 1983 in Prates‘ Garage in einer Kleinstadt nahe München von Agenten der Udba ermordet wurde. Die Nachricht hat in der kroatischen Presse viel Staub aufgewirbelt. Die recherchierenden Journalisten teilten sich in zwei Strömungen: in die, die den umstrittenen Bože Vukušić  unterstützen, der seinerseits in Deutschland beschuldigt wird, beim Mord von Jusuf Tatar geholfen zu haben, und die, die die Position von Josip Perković vertreten, der in der fraglichen Zeit Chef der 2. Abteilung der Staatssicherheit mit Zuständigkeit für die Emigration war.

Gaži Feral Peratović Djureković

Nach diesem Interview Feral Tribune, Ich habe ein außerordentliches Kündigungs Vjesnik. Ich verlor einen Arbeitskampf mit Vjesnik auf allen gerichtlichen Ebenen in Kroatien. Deshalb habe ich bis jetzt permanent arbeitslos (ž.p.).


Vukušić hat seinerseits – ganz nach dem Motto der wohlbekannten Kommission für die Untersuchung der Opfer des Zweiten Weltkriegs und der Nachkriegszeit – die Entführung früherer Udba-Leute (Fall Blagoje Zelić) organisiert. Interessant ist, dass die Mehrheit der Enthüllungen von Vukušić auf serbischen Quellen beruht: dem Interview, das Branko Traživuk, damaliger Verfassungsschützer und Untergebener von Perković, 1992 der Zeitschrift Duga gegeben hat, und dem Buch des Udba-Verantwortlichen für die Emigration, Božidar SpasićLasica koja govori – Das Frettchen, das redet, erschienen 2000.

Božidar Spasić behauptet in seinem Buch ausdrücklich und wiederholt das auch gegenüber dem unterzeichnenden Journalisten, dass der Mord an Djureković vom Bundessekretär (Minister) für innere Angelegenheiten Stane Dolanc befohlen worden sei und dass die damalige kroatische Staatsspitze mit Milka Planinc, seinerzeit jugoslawische Regierungschefin, das akzeptiert habe. 

Pavle Gaži, für kurze Zeit Sekretär für innere Angelegenheiten der Sozialistischen Republik Kroatien, kann nicht bestätigen, dass Đureković Opfer der damaligen Udba geworden sei, und stellt die Behauptungen, mit denen Bože Vukušić hantiert, in vielerlei Hinsicht in Frage. 

Es ist nicht wahr, wenn Spasić behauptet, dass ich mich als kroatischer Minister mit Stjepan Đureković in Bukarest getroffen hätte, um ihn zu bitten, dass er nach Zagreb kommen solle, um in den Prozessen gegen kommunistische Machthaber als Zeuge auszusagen. Rumänien, Albanien und Luxemburg sind die einzigen Länder, in denen ich nie war.

Aber Josip Boljkovac hat mir gesagt, er hätte gehört, Sie hätten sich mit Djureković in Bulgarien getroffen. 

Auch das ist einfach nur Tratsch. In Bulgarien war ich das letzte Mai 1957 oder 1958 als Direktor von Podravka. Also, ich habe mich überhaupt nicht mit Djureković getroffen, noch habe ich auf irgendeine Weise mit ihm kommuniziert. Tatsache ist, dass ich vom Fall Đureković zwei Wochen nach seiner Flucht aus dem Land erfahren habe, und da hatte ich gerade die Versetzung vom Exekutivsekretär für Wirtschaftsangelegenheiten beim ZK des BdKJ auf den des Sekretärs für innere Angelegenheiten bekommen, heute würde man sagen: Innenminister. Ich weiß, dass man auf einer Sabor-Sitzung über Đureković gesprochen hat, aber ich habe das abgelehnt, da ich den Fall gar nicht kannte, und als Chef der Republikspolizei hatte ich überhaupt nicht die Absicht, mich mit der Verschärfung der Beziehungen zur Emigration oder der Politisierung der Polizei zu befassen. Ich wollte vielmehr gegen die Wirtschaftskriminalität kämpfen, die damals das Land zerfraß. Über Djureković hat auf der Sitzung dann damals Ante Marković ein wenig gesprochen, seinerzeit Vorsitzender des Exekutivrats.

Gut, aber nachher haben Sie sich doch mit dem Fall befassen müssen. Božidar Spasić und Marko Lopušina schreiben, Stjepan Djureković habe als INA-Marketingchef „mehrere Millionen D-Mark gestohlen“, indem er der deutschen Geheimpolizei Daten über Jugoslawiens strategische Ölreserven verraten habe usw.

Was die da schreiben, ist völliger Unsinn. Er konnte gar kein Geld stehlen, denn er war für das Marketing zuständig, wo damals gar nicht so viel Geld im Spiel war. Aus demselben Grund hatte er auch keinen Zugang zu Plänen über die Ölreserven. So etwas konnte nur, sagen wir, Vanja Špiljak anstellen, der Sohn von Mika Špiljak, der sich bei INA mit der Beschaffung von Öl im Ausland befasste und Verbindungen zur Bundesregierung hatte, wo bestimmte Quoten für den Ölimport genehmigt wurden und wo sich auch die strategischen Pläne zu den Reserven befanden. 

Bei der Vorbereitung zu diesem Gespräch haben Sie mir gesagt, dass Vanja Špiljak und sein Vater Mika mit den Umständen des Mordes an Stjepan Đureković vertraut sein könnten, und zwar genau wegen der verdeckten Ölgeschäfte, in die Vanja damals verwickelt war.

Genau. Irgendwann im Sommer 1982, als ich Chef der Republikspolizei wurde, gab mir der Sekretär der städtischen SUP (Polizei), Joža Šlibar, ein dickes Dossier zu Missbräuchen mit Öl bei der INA. Etwas davon wusste ich schon vorher aus meinen Quellen bei der Bundesfinanzinspektion. In Šlibars Dossier fand sich auch der Name von Vanja Špiljak. Da gerade Urlaubszeit war, sagte ich zu Šlibar, wir sollten erst danach mit den Ermittlungen beginnen, damit wir nicht während des Sommers uns selbst und die Öffentlichkeit zu sehr aufregten. Ich brauchte Zeit, um die ganze Dimension des Falls zu durchschauen. 

Worum ging es dabei eigentlich?

Es war die Rede von geheimen, fiktiven Konten im Ausland, Ankäufen von Ausrüstung und von Öl, die nicht direkt abgesprochen waren, aber die die Bezahlung erfolgte über diese Konten. Sagen wir, da fuhren über das Mittelmeer, fünf, sechs Tanker unter liberischer Flagge. Dann wartete man, bis im Land wo Öl fehlte, und dann kam über Mailand die rettende Lösung. 

Und in Mailand war der verstorbene Vojko Santrić im Ölhandel tätig ?

Ja. Dann melden sich Santrić und Vanja Špiljak und retten die Regierung vor der Schande, die es gewesen wäre, wenn es zu einem Ölmangel gekommen wäre. Die Pointe dabei ist, dass die Bezahlung über diese geheimen Konten und zu anormalen Preisen geschah. Wir kamen als Regierung sogar in die Situation, dass wir nicht genug Devisen hatten. Da haben uns die erwähnten Vermittler um Santrić sozusagen ein Darlehen gegeben. Ich erinnere mich, dass mir damals Zdravko Mustač, Republikschef der Verfassungsschutzamtes, gesagt hat, Vojko Santrić sei „zurzeit etwa 50 Millionen Dollar schwer“. Das war damals unglaublich viel Geld.

Von Santrić heißt es, er sei von der Bundes-Udba gedeckt worden, vielleicht auch vom KOS (militärischer Abschirmdienst). Sind Sie da in ein Wespennest gestoßen?

 

Gaži Peratović Feral Perković Mustač

Heute kommunistischen kriminelle Lobby klagt Gaži dass er für den Mord verantwortlich. Gaži wurde über öffentlich-rechtliche Fernsehen und kriminelle Lobby mit Unterstützung der Regierung angegriffen. Sie wollen ihn zu erschrecken, dass er nicht vor Gericht Perković und Mustač in München aussage. (ž.p.)


Absolut. Als ich mit Dolanc und Latinka Perović zu Besuch bei der italienischen KP war, war Vojko Santrić dabei. Man hat uns ausgezeichnet mit der Nachbildung einer Medaille, die er von der italienischen Regierung gekriegt hat, bestehend aus 18-karätigem Gold. Unsere Udba (= die kroatische) wollte Vojko Santrić verhaften, aber das wurde uns von der Bundesebene unmöglich gemacht. Nicht von Stane Dolanc, sondern von anderen Kreisen, von denen ich noch nicht sicher bin, aus wem sie bestanden.

Das heißt, Sie haben sich damals nicht mit Đureković, sondern mit Santrić und Vanja Špiljak befasst?

Genau. Für uns war Đureković politisch eine absolut marginale Figur, ohne das Charisma, das einige Emigrantenkreise zu nutzen versuchten, um unser jugoslawisches System anzuschwärzen. Mich hat nur das Buch von Đureković interessiert, in dem es um Wirtschaftskriminalität geht, aber davon später.

Wie ging es weiter mit den Ermittlungen wegen Santrić und Vanja Špiljak?

Wir hatten geplant, einige unserer Staatsbürger zu verhaften, die in Italien für Santrić arbeiteten. Drei von ihnen hätten nach Zagreb fliegen sollen, wo die Polizei am Flughafen mit Handschellen auf sie gewartet hätte. Aber es kam nur einer, den wir dann verhaftet haben, der in Gewahrsam genommen wurde und den wir als Zeugen gehört hätten, wenn es zum Prozess gekommen wäre. Zdravko Mustač war furchtbar überrascht und böse, als er von irgendwoher gehört hat, dass wir die Verhaftung geplant hatten und dass uns zwei dickere Fische durch die Maschen gegangen waren. Das war im Herbst 1982. Wegen dieses und einiger anderer Fälle denke ich, dass bei Đurekovic-Mord eine parallele, informelle Struktur bestanden hat, die sich oftmals als effizienter erweisen hat als unsere offizielle.

Wie gingen die Ermittlungen in Zagreb vor sich?

Auf einer Sitzung des Verfassungsschutzrates in Belgrad hat Dolanc gesagt, dass man wegen der Kriminalität bei der INA bestimmte Leute in Gewahrsam nehmen und man aus der INA eine bestimmte Dokumentation herausnehmen müsse. Das hat er mir auch telefonisch nach Zagreb berichtet. Damit die Sache nicht untergeht, habe ich das vor dem kroatischen Verfassungsschutzrat referiert. Dann bin ich direkt zu Marijan Cvetković gegangen, dem damaligen Vorsitzenden des Präsidiums Kroatiens. Ich habe vorgebracht, dass ich für so eine ernste Sache nicht allein die Verantwortung tragen könne. Um sechs Uhr am anderen Morgen startete dann die Aktion, bei der ich natürlich nicht direkt die Kommandogewalt innehatte. Anderntags fragt mich, wieder ganz wütend, Zdravko Mustač, wie es denn möglich sei, dass uns wieder so ein Patzer passiert sei. Mit Klein-LKWs war die ganze kompromittierende Dokumentation aus der INA weggeschafft worden, und die Polizei stand, als sie kam, vor leeren Schränken. Er fragte mich, wem ich alles von der Aktion erzählt hätte. Ich sagte, nur Marijan Cvetković. Er schwieg eisern, was ich mir so übersetzte, dass er meinte, vom Vorsitzenden des Präsidiums sei etwas durchgesickert. Wenn Marijan Cvetković das, was ich ihm erzählt hatte, an Mika Špiljak weitergegeben hatte, seinem alten Partisanenkameraden aus Sisak – was ich gesichert nicht behaupten kann, denn das haben wir nicht zu untersuchen gewagt – dann hatte Špiljak sicher alles unternommen, die Aktion scheitern zu lassen. 

Hatten Sie den Plan, Vanja Špiljak zu verhaften?

Nein. Das wäre politisch nicht gegangen. Aber wir hatten in jedem Fall die Absicht, ihn zu verhören, was in diesem Zusammenhang für ihn und seinen Vater schon sehr unangenehm gewesen wäre. Ich muss sagen, dass ich bei meinen Bemühungen, die Kriminalität bei der INA aufzuklären, die Unterstützung meines Chefs Ante Marković und des INA-Generalsdirektors Petar Fleković hatte. Alle Materialien, die wir zusammengetragen haben, haben wir der Republiksstaatsanwaltschaft übergeben, und die waren überrascht, wie gut wir, trotz der erwähnten Obstruktionen, unsere Arbeit gemacht hatten. Es stimmt, dass wir im informellen Gespräch mit Polizei und Staatsanwaltschaft erwähnt haben, wie nützlich es wäre, wenn wir Stjepan Djureković als Zeugen hätten, aber in dieser Hinsicht wurde nie etwas unternommen. 

Warum ist es nicht zum Prozess gekommen?

So wie ich als Manager von Podravka viel durch die Welt gereist und Kontakte geknüpft habe, so habe ich es auch als Chef der Republikspolizei gehalten. Bei einer Begegnung mit dem französischen Polizeiminister habe ich mit ihm abgesprochen, dass er seinem deutschen Kollegen den Wunsch übermitteln solle, informell Jugoslawien zu besuchen. Wir würden ihn für ein paar Tage zu einer Kreuzfahrt einladen und zu einer Jagd. Vorher hatte ich die Idee Stane Dolanc vorgetragen, der erst schwieg, mir dann aber rasch die Autorisierung für den Versuch gab. Ich dachte, dass es bei uns mit dem wirtschaftlichen Aufbau nicht vorangehen würde, wenn wir weiterhin solche Probleme mit radikalen Emigranten hätten, die unsere Niederlassungen in Deutschland angriffen, und wenn unsere „Killer“ zum Morden auf deutschen Boden reisten, und dass wir über diese Dinge ernsthaft, wenn auch informell, mit dem deutschen Minister Dr. Friedrich Zimmermann sprechen sollten. Eine wichtige Frage, die wir hätten lösen sollen, war auch die doppelte Staatsbürgerschaft für unsere Arbeiter, die sich dort „zur vorübergehenden Arbeit“ (= jugoslawische Formel für den Gastarbeiterstatus) aufhielten.   

Und gerade als Zimmermann die Kreuzfahrt antrat und Dolanc bei uns war, geschah der Mord an Stjepan Djureković. Natürlich ist der deutsche Minister augenblicklich in sein Land zurückgekehrt, und es ist ihm nicht eingefallen, mit auf die Jagd zu kommen, zu der wir ihn eingeladen hatten. Auch Stane Dolanc war überrascht über den Mord an Đureković. Ich glaube nicht, dass er ausgerechnet in dem Moment, wo er auf diesem hohen Niveau Probleme lösen wollte, die die Beziehungen unserer beiden Länder belastet hatten, eine solche Liquidierung in Auftrag gegeben hätte. Ich sage nicht, dass Dolanc nicht prinzipiell für diese Liquidierung gewesen wäre, aber Liquidierung bedeutete ja nicht selten Neutralisierung. Also, ich sehe wirklich keinen Grund, dass wir auf offizieller Ebene die begonnene Verbesserung der Beziehungen mit Deutschland hätten zerstören sollen. 

Deshalb glaube ich, dass der Mord an Stjepan Đureković auf informeller Ebene vereinbart und abgehandelt wurde. Und nachher wurden die Ermittlungen im Zusammenhang mit den Malversationen im Ölgeschäft gestoppt. Ich wurde kaltgestellt, und als mir im Juni Milutin Baltić, der Vorsitzender des kroatischen Staatspräsidiums geworden war, sagte, ich müsse den Rücktritt einreichen, habe ich das getan.

Was ging es weiter mit Vanja Špiljak?

Gar nicht. Er hat mit seinen Geschäften weitergemacht wie vorher. Noch während der Ermittlungen hat er sich erst wegen Krankheit der Aussage entzogen, dann wegen Familienproblemen, so dass wir von ihm keine Aussage bekommen konnten.

Im Zusammenhang mit Đureković‘ Ausreise in die Emigration hätte ich jetzt fast ein wichtiges Detail vergessen, eines, das vielleicht unschön, dafür aber wahr ist und das ich bei der Erhellung seiner Ermordung nicht außen vor lassen möchte. Er hatte nämlich eine Geliebte, die gleichzeitig Beziehungen zu einem der drei, vier höchstrangigen Funktionäre in Kroatien unterhielt. Und der wiederum hatte erfahren, dass sie mit Djureković zusammen war. Damals war das für mich nicht so wichtig, denn ich wollte mich ja wirklich ernsthaft mit der Wirtschaftskriminalität befassen und habe mich tief in die Malversationen bei der INA versenkt.

Ich war Teil dieses Systems, und wenn immer ich in eine Funktion kam, dann mit dem Wunsch dieses Systems, und so habe friedlich meinen Abschied genommen, da meine politische und wirtschaftliche Karriere schon unterbrochen war, nun, da ich 55 Jahre alt war und den Eindruck hatte, ich können noch vieles bewirken. Ich hatte einige Pläne, aber Mika Špiljak hat mit meiner öffentlichen Verfolgung weitergemacht: Er behauptet, ich sei verantwortlich dafür, dass Kroatien in diesem Winter beinahe ohne Heizung geblieben wäre, ich hätte völlig unnötigerweise Gasleitungen konfisziert. Aber das habe ich natürlich getan, weil sie auf kriminelle Weise angelegt worden waren, und das Land wäre ohne sie auch nicht ohne Heizung geblieben. Dafür haben mich dann mehrere Parteikommissionen einvernommen, unter anderem wurde mir ein gefälschtes Dokument des KOS vorgelegt, angeblich mein Bericht von einer Sitzung der kroatischen Republiksspitze, bei der ich gar nicht zugegen war und auf dem die ganze damalige Spitze aufgeteilt war in Pro-Jugoslawen und Nationalisten. Ich habe gesagt, wenn sie so weitermachen mit dem Druck, dann verlange ich eine Beurteilung durch einen Graphologen, denn weder war das meine Unterschrift, noch habe ich mich eines solchen Stils bedient.

Hatten Sie Angst um Ihr Leben?

Wissen Sie, da ich Mika Špiljak noch als Partisan kannte und auch seine Grausamkeit im Kriege, und da ich wusste, dass er als Chef der Zagreber Partei die Informbiro-Leute auf Goli otok geschickt hat, dass er persönlich befohlen hat, das Denkmal des Ban Jelačić vom Zagreber Hauptplatz zu entfernen, dass er mich zu den Bakarić-Leuten gerechnet und dass er Bakarić aus tiefster Seel hasste – das war mir nicht egal. Immer wenn ich zu meinen Weinberg gegangen bin, hatte ich meinen abgerichteten deutschen Schäferhund bei mir. Später hat Branko Mamula sogar gesagt, Mika Špiljak habe von der Armee verlangt, mich zu verhaften, aber Mamula habe das angeblich abgelehnt.

Aber ich sollte als junger Pionier 1944 von Bobans Ustascha aufgehängt werden, denen die später in der Ziegelei von Koprivnica meine Schwester ermordet haben, da war ich frühzeitig auf Gefahren und Tragödien vorbereitet. Unangenehm war es mir wegen meiner Töchter, die noch studierten, und meine Frau war arbeitslos.

Sie haben das Verhältnis von Špiljak zu Bakarić erwähnt…

Gerade als ich 1982 von Belgrad zurück nach Zagreb versetzt wurde, hat Mika Špiljak mir erzählt, er habe mit Tito und Bakarić über seine Rückkehr nach Kroatien gesprochen und darüber, was das politisch bedeute. Špiljak hat mir gesagt, Bakarić habe Tito vor seinen Ohren gesagt, dass wenn er Špiljak zurück nach Kroatien schicke, dort wieder Konzentrationslager errichtet würden.

Bakarić hat einige Intellektuelle nicht gemocht; richtig verhasst waren ihm aber ungebildete, überehrgeizige Typen wie Špiljak.

Bakarić‘ langes Sterben begann schon 1982, schon damals suchte man einen Nachfolger, und Špiljak sah allein sich selbst in der Rolle des kroatischen Anführers. Als Bakarić Anfang 1983 starb, sagte mir der erwähnte Marijan Cvetković: „Wir haben keinen anderen, wir werden Mika zum Nachfolger von Bakarić machen müssen, weil er so grenzenlos hartnäckig ist.“

Interessant ist wohl auch die Beziehung von Mika Špiljak und Franjo Tudjman ? 

Das ist ein wirkliches Thema und eines, das man noch detailliert untersuchen müsste. Auf einer Sitzung des Republiksrats für den Schutz der Verfassungsordnung, an der mit mir auch Zdravko Mustač teilnahm, war die Rede davon, wie man mit den damals inhaftierten Franjo Tuđman, Vladimir Gotovac und Marko Veselica umgehen solle. Da wir ja Partisanen waren, hatten wir zu unseren Genossen ein sentimentales Verhältnis, und ich habe vorgeschlagen, Tuđman sofort aus dem Gefängnis zu entlassen und ihn, wenn nötig, stattdessen unter eine Art Hausarrest zu stellen. Begründet habe ich das mit seiner zerstörten Gesundheit. Zu Gotovac habe ich gesagt, dass es – unabhängig davon, was er gesagt habe – dumm sei, ihn im Gefängnis zu behalten, denn was seien wir doch für ein zivilisiertes Land, das wir einen Dichter einsperrten. Marko Veselica habe ich damit verteidigt, dass er sich selbst der größte Feind sei. Aber zu meinen Vorschlägen breitete sich Schweigen aus. Ja, wo doch Ankica Tuđman oft Kontakte mit dem Kaptol (= Bischofssitz in Zagreb) unterhielt und zwischen Mika und Kardinal Kuharić vermittelte, wie da Tuđman helfen! Das weiß ich sicher, denn die Udba hatte ihren Mittelsmann bei Kuharić, der uns regelmäßig berichtete. Welche Daten ich Mika auch immer über die Kirche gab, Kuharić erfuhr davon, und umgekehrt. Nur wusste das Kaptol natürlich nicht, wer der Mann war, denn bei den Partisanen habe ich gelernt, nie Namen zu nennen. Einmal habe ich Mika einen Bericht vom Kaptol gezeigt und in gefragt, ob er wisse, was das bedeute. Er hat nicht einmal auf das Transskript geschaut und gesagt, alles stimme, was dort stehe. 

Warum hat sich Mika Špiljak für Tuđman eingesetzt ? Hat er schon damals auf die Karte des Zerfalls Jugoslawiens gesetzt?

Das glaube ich nicht. Sie müssen wissen, dass zu seiner Zeit als Chef des jugoslawischen Gewerkschaftsbundes Vuk Drašković sein Büroleiter war, der sich mir anbiederte und mich verehrte, wenn immer ich in Mikas Büro kam. Aber als ich einmal mit einem ernsten Thema kam, habe ich gemerkt, dass Mika ohne Vuks Rat nicht auskam, und das war mir ein Hinweis dafür, dass Drašković eigentlich die graue Eminenz war. Mika war seinen eigenen Ambitionen nicht gewachsen, und so bediente er sich allen und jedes, um sie zu verwirklichen. So brauchte er auch Tuđman, wie er ein Partisan und zugleich, wie er selbst, im Krieg ein Feigling, als Verbündeten in Kroatien, denn Tudjman wurde vom Kaptol unterstützt. Trotz allem war das Kaptol damals einflussreich. Savka Dapčević Kučar und Miko Tripalo mochten Špiljak nicht, so konnte er sich ihnen nicht annähern. Auch von den damals machthabenden Funktionären mochte ihn kaum einer. Tudjman war wie Špiljak bei Bakarić in Ungnade, und da lag es nahe, ihn zum Verbündeten zu nehmen. 

Ich habe Ihren Nachfolger als Polizeiminister, Vilim Mulc, gefragt, wie sehr der Einfluss von Špiljak en Ausschlag gab, dass der erste politische Häftling bzw. Dissident (= Franjo Tuđman) schon 1987 einen Pass bekommen und nach Kanada ausreisen konnte. Mulc sprach in Rätseln und sagte, dass der damalige Verfassungsschutz Tudjman für einen echten Ideologen gehalten habe und dass sie ihm deshalb den Pass gegeben hätten. Welche Rolle hatte dabei Josip Perković, der langjährige Chefs des Büros für die Emigration?

Über Perković habe ich keine Ahnung, auch nicht aus meiner Zeit als Minister. Vielleicht haben wir mal zusammen in einer Sitzung gesessen, aber ich erinnere mich nicht. Vilim Mulc war einfacher Sachbearbeiter, und es ist klar, dass alle wichtigen Anweisungen nicht er, sondern jemand anders traf. Aber was die späten Achtzigerjahre betrifft, habe ich keine Informationen darüber, was bei RSUP bzw. SDS vorging. Auch mit Mustač, der in der Ölgeschichte meine rechte Hand war, habe ich nicht kommuniziert. Ich habe aber gelesen, dass Tudjman nach seiner Machtübernahme gute Beziehungen zu den Špiljaks unterhielt, besonders mit Vanja, der ihn ins schweizerische Davos zum Weltwirtschaftsforum brachte, und dass Vanja Špiljak Ende der Achtzigerjahre der persönliche Kurier zwischen Tuđman und Milošević war. Das alles belegt, dass die Verbindung wirklich langjährig und eng war.     

 (Sosehr er sich auch bemühte, gegenüber seinen ehemaligen Mitpartisanen und Parteigenossen nicht als rachsüchtig zu erscheinen, so konnte Gaži sich doch nicht enthalten, Janko Bobetko unerwähnt zu lassen, den er für einen unmenschlichen Soldaten hielt.)


Er war ein sehr unangenehm als Mensch auch gegenüber den Partisanen, besonders aber gegenüber den Domobranen, und von den Ustascha schweige ich lieber. Die Ustascha haben mit den Bruder und den Vater ermordet. Gnade dem Gott, den Bobetko in die Finger bekam! Er war eine ganz düstere Figur im Volksbefreiungskampf. Mich wundert es nicht, dass er in den Neunzigerjahren so superehrgeizig war, und so supernegativ in Sachen Humanität. Ein Soldat braucht eine Dosis Menschlichkeit, sonst wird er zum Tier. Er war schrecklich. Er hat Bataillonskommandeure degradiert. Als die Partisanen hier in Novigrad an der Drau die Boban-Leute nach Virovitica vertrieben haben, hat der Bataillonskommandant, ein Bauer, aber ein junger Kämpfer, seine Einheit angehalten, damit sie essen konnten. Bobetko ist von irgendwoher gekommen, wahrscheinlich gut gesättigt. Als er sie da um den Kessel sitzen und futtern sah, hat er ihm die Rangabzeichen heruntergerissen. Er war wie der amerikanische General Patton, die Soldaten geohrfeigt hat.

Wäre Janko bei den Ustascha gewesen, so wären wohl noch ein paar Zehntausend Serben und Kroaten mehr niedergemetzelt worden. Er war der Bunker-Typ. Bomben in Bunker werfen, Feinde im Eilverfahren liquidieren – das waren seine Kampfmethoden. 

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