Kroatien: Journalist Peratović unter Druck

Peratović hatte über den Mord an dem jugoslawischen Dissidenten Stjepan Đurekovic 1983 in Bayern, den der ehemalige Geheimdienstchef Perkovic in Auftrag gegeben haben soll, geschrieben. Seit Jahren gibt es einen internationalen Haftbefehl gegen Perković, doch bisher hat sich der kroatische Staat geweigert, den Mann, dessen Sohn (Saša Perković, Bemerkung ž.p.) als Berater für nationale Sicherheit von Staatspräsident Ivo Josipović amtiert, auszuliefern. Wenige Tage vor dem Beitritt zur EU hat die kroatische Regierung ein Gesetz erlassen, das die Auslieferung von Kroaten verhindert, die vor 2002 Verbrechen im EU-Ausland begangen haben.

wienerzeitung.at

vom 02.07.2013, 17:20 Uhr

 

Von Martina Pock

Kroatien ist am Montag als 28. Mitglied der Europäischen Union beigetreten. Dass Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel den Feierlichkeiten in Zagreb ferngeblieben ist, hat einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen. Als offizieller Grund für ihr Fernbleiben wurden anderweitige Verpflichtungen angegeben, jedoch wird hinter ihrer Abwesenheit eine Reaktion auf ein wenige Tage zuvor in Kroatien erlassenes Gesetz vermutet, das unter anderem die Auslieferung des ehemaligen Geheimdienstchefs Josip Perković verhindern soll. Bereits vor einigen Jahren wurde einem kroatischen Journalisten die Berichterstattung über den “Fall Perković” zum Verhängnis: Željko Peratović hörte von Perković, als er für das politische Wochenmagazin “Globus” arbeitete, Folgendes: “Er sagte, er würde mich töten, wenn ich nicht aufhöre, über ihn zu schreiben, und während unseres Gesprächs lenkte er meine Aufmerksamkeit dreimal auf eine Pistole, die er unter seiner Jacke trug.”

Peratović hatte über den Mord an dem jugoslawischen Dissidenten Stjepan Đurekovic 1983 in Bayern, den der ehemalige Geheimdienstchef Perkovic in Auftrag gegeben haben soll, geschrieben. Seit Jahren gibt es einen internationalen Haftbefehl gegen Perković, doch bisher hat sich der kroatische Staat geweigert, den Mann, dessen Sohn (Saša Perković, Bemerkung ž.p.) als Berater für nationale Sicherheit von Staatspräsident Ivo Josipović amtiert, auszuliefern. Wenige Tage vor dem Beitritt zur EU hat die kroatische Regierung ein Gesetz erlassen, das die Auslieferung von Kroaten verhindert, die vor 2002 Verbrechen im EU-Ausland begangen haben.

2010 hat der kroatische Journalistenverband (HND) das sogenannte “White Paper” (Bijela knjiga), einen Bericht, der 42 Fälle von Übergriffen auf Journalisten dokumentiert, veröffentlicht. Morddrohungen, Erpressungen, Attacken auf offener Straße, Zensur. 2005 kostete Željko Peratović ein kritischer Artikel über den späteren Innenminister Tomislav Karamarko seinen Job bei der staatlichen Zeitung “Vjesnik”. Seine journalistische Arbeit führt er seither auf seinen beiden website 45lines.com weiter, wo er über organisiertes Verbrechen und Kriegsverbrechen berichtet.

Kroatien rangiert auf der diesjährigen Rangliste der Pressefreiheit von Reporter ohne Grenzen auf dem 64. Platz, 2009 sogar noch auf Rang 78 von 175 Ländern, hinter dem Kosovo und Nicaragua. Ein im letzten Jahr erschienener Bericht der deutschen Medienwissenschafterin Angela Buchfelder über die Pressefreiheit in Kroatien zieht eine erschütternde Bilanz: In den meisten Redaktionen gibt es keine Statuten, die das Verhältnis zwischen Chefredaktion, Redakteuren und der Geschäftsführung regeln, da im Mediengesetz diesbezüglich keine Sanktionen festgesetzt sind.

Ivo Josipović Saša Perković

Staatspräsident Ivo Josipović und sein Berater für nationale Sicherheit, Saša Perković

Kaum Interesse an Politik
Journalisten sind somit den Investoren der Medienhäuser und deren Druck ausgesetzt. Auch Verflechtungen von Medien und Politik sind und waren keine Seltenheit. Besonders unter dem ehemaligen Premierminister Ivo Sanader (HDZ) wurden sowohl die privaten als auch die öffentlich-rechtlichen Medien kontrolliert.

Was die Qualität fast aller Zeitungen und Magazine angeht, so hat diese in den letzten Jahren rapide abgenommen. Die meisten berichten eher beiläufig über das politische Geschehen und vermehrt über Boulevardthemen. Die wenigsten Redaktionen verfügen über ausländische Korrespondenten. Aus einer Studie des kroatischen Journalistenverbandes geht hervor, dass die meisten Medien oft nur dann eine Chance auf politische Informationen haben, wenn sie einen politischen Informanten haben. Wer in seiner Berichterstattung zu kritisch ist, erfährt kaum Schutz. Das gilt vor allem für freiberufliche Journalisten, deren Zahl immer weiter ansteigt. Aber auch das Interesse an politischen Themen unter der kroatischen Bevölkerung ist gering. Die Auflagenzahlen sind seit der Krise stark zurückgegangen. Zwar bietet das staatliche Fernsehen einige Polit-Talks an, doch befinden sich wenige junge Menschen unter den Sehern.

Erst vor wenigen Wochen wurde in Kroatien ein Gesetz erlassen, das die Mehrwertsteuer für Zeitungen ab 25.000 Wörtern von zehn auf fünf Prozent senkt. Ein Gesetz, von dem aber nur große Zeitungen profitieren.

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