Kroatische Journalisten wegen Gotovina im Kreuzfeuer der Geheimdienste

Obwohl der Krieg in Kroatien bereits zehn Jahre zurückliegt, bekleiden einige Hauptakteure des damaligen staatlichen Terrors immer noch hohe Ränge in den kroatischen Geheimdiensten und tun alles, um ihre Rolle im Krieg zu vertuschen.

WDR-3-Tageszeichen Redaktion: Morten Kansteiner Autor: Vlado Konstantinović Länge: ca 5’ Sendedatum: 03.03.2005

Kroatien fiebert einer EU-Aufnahme entgegen. Die Verhandlungen darüber sollen am 17. März beginnen, doch ob sie wirklich stattfinden, ist noch längst nicht geklärt. Die EU hat der Regierung in Zagreb eine Bedingung gestellt, die innenpolitisch kaum lösbar erscheint: Kroatien soll den mutmaßlichen Kriegsverbrecher General Ante Gotovina an das Internationale Tribunal für Ex-Jugoslawien in Den Haag ausliefern. Dieser ist aber, trotz aller Bemühungen der kroatischen Polizei und der Geheimdienste, seit 2001 untergetaucht und, laut Regierung, unauffindbar. Dem entgegen behaupten einige kroatische Journalisten, sie hätten Gotovina mehrfach mitten in Kroatien loziert. Und, ausgerechnet die kroatische Spionageabwehr habe ihm bei seinem vierjährigen Versteckspiel mit dem Haager Tribunal geholfen. Nun beschuldigt die kroatische Spionageabwehr sechs führende investigative Journalisten, gegen die Interessen Kroatiens gearbeitet und bei ihren Recherchen Kontakte zu ausländischen Geheimdiensten unterhalten zu haben. Kurz: sie werden öffentlich des Landesverrats bezichtigt.

Vlado Konstantinović über den Krieg der kroatischen Geheimdienste mit Journalisten.

Der Bericht der parlamentarischen Kommission, dass der Geheimdienst, die Menschenrechte von Journalisten verletzt haben hatte. (Auf Kroatisch)

O-TON (1) Übersetzung:

Ich bin sozusagen „auf Eis gelegt worden“, angeblich aus formellen Gründen. Meine Zeitung „Vjesnik“ wartet ab, was der Parlamentsausschuß über die Anschuldigungen gegen mich sagen wird. Meine Redaktion will meine Recherchen über den flüchtigen General Gotovina und die Rolle, die der Geheimdienst dabei spielt, nicht drucken, bis die Staatsspitze diese Frage gelöst hat. Intern hat man mir vorgeworfen, ich würde einen Privatkrieg führen… Meine professionelle Existenz und mein Ruf als Journalist stehen offenbar zur Disposition. Meine Zeitung gönnt mir nicht einmal eine Chance, mich zu verteidigen.

TXT-1- Željko Peratović, Reporter der Tageszeitung Vjesnik über die Auswirkungen der öffentlichen Kampagne, die die kroatische Spionageabwehr POA gegen ihn und fünf weitere Journalisten führt. Peratović hat sich als Rechercheur von heiklen Themen einen Namen gemacht: mehrfach hat er kroatische Kriegsverbrechen aufgedeckt und die Zusammenwirkung der höchsten staatlichen Instanzen mit den Exekutoren vor Ort dokumentiert.

Vor einem Jahr bekam er dafür den Preis der Internationalen Journalistenorganisation „Reporter ohne Grenzen“. Peratović hat unter anderem Beweise und Zeugenaussagen gesammelt, die für Franjo Turek, den langjährigen Chef der kroatischen Spionageabwehr, höchst unangenehm sind. Denn sie belegen, dass Turek an der Ermordung von zweihundert serbischen Zivilisten und kroatischen Gegnern des damaligen Präsidenten Franjo Tuđman in der Stadt Gospić 1991 beteiligt war. Peratovićs Hauptzeuge, der über diese Massenerschießung auch vor dem Haager Tribunal ausgesagt hat, wurde danach ermordet. Obwohl der Krieg in Kroatien bereits zehn Jahre zurückliegt, bekleiden einige Hauptakteure des damaligen staatlichen Terrors immer noch hohe Ränge in den kroatischen Geheimdiensten und tun alles, um ihre Rolle im Krieg zu vertuschen. Der Journalist Peratović weiß, dass er zeitweise abgehört wurde.

Norac Markač Gotovina Krieg Geheimdienste

Mirko Norac, Mladen Markač und Ante Gotovina

O-TON (2) Übersetzung:

Ich bin unter ständiger Observierung der Spionageabwehr des Franjo Turek gewesen, schon seit dem Jahre 2000. Ich war mit dem ermordeten Haager Zeugen Milan Levar gut befreundet und er hat mir seine Erkenntnisse über die Verbrechen von Gospić anvertraut. Ich hatte auch Beweise über die dubiose Rolle des Franjo Turek. Er war nämlich im Stab des Stadtkommandeurs tätig, der nachweislich diese Verbrechen angeordnet hat. Turek soll auch dabei gewesen sein, als die Listen für die Liquidationen zusammengestellt wurden… Nicht zufällig, sondern als Bevollmächtigter des Innenministeriums – bzw. der heutigen Spionageabwehr. Dies ist der Grund, warum Franjo Turek mich ins Visier genommen hat.

TXT-2- Dann kam der Fall des untergetauchten kroatischen Generals Ante Gotovina. Das Haager Tribunal hat gegen ihn Anklage erhoben, weil seine Truppen bei der Erstürmung der serbisch bewohnten Gebiete Kroatiens im Jahre 1995 tausende Zivilisten exekutierten. Nach Gotovina fahnden seit 2001 sowohl die kroatische Geheimpolizei als auch Ermittlerteams des Haager Tribunals. Die kroatische Regierung hat ihnen die Kooperation der kroatischen Dienste vor Ort zugesagt. Der Austausch von Ermittlungsergebnissen sollte dabei weiterhelfen. Doch offenbar hatten Teile der kroatischen Geheimpolizei kein Interesse daran, daß der Gesuchte auch gefaßt wird. Im Gegenteil: Die Spionageabwehr unter Franjo Turek ließ sowohl die ausländischen als auch die kooperativen kroatischen Fahnder beschatten und abhören. Ihre Kontakte zu Journalisten, die Gotovinas Verstecke in Kroatien immer wieder aufdeckten, wurden observiert. Gotovina konnte regelmäßig – im letzten Augenblick – entwischen.

Präsident Stjepan Mesić, sagt er den flüchtigen Gotovina in seinem Büro empfangen wird.

Im letzten Sommer ließ die kroatische Spionageabwehr sogar britische Fahnder des Haager Tribunals hochgehen, indem sie ihre Identität veröffentlichte. Turek erklärte danach, er habe lediglich ausländische Spione und ihre lokalen Agenten und Helfershelfer observieren lassen – womit er auch die Journalisten meinte. Der Geheimbericht mit ihren Namen wurde der lokalen Presse zugespielt. Die ausländischen Fahnder fuhren frustriert nach Hause. Und die Journalisten kämpfen nun um ihren Ruf, obwohl Turek auf Druck der EU und des Haager Tribunals seinen Hut nehmen mußte.

Am Vorabend der EU-Beitrittsverhandlungen versucht der kroatische Präsident Stjepan Mesić den Krieg zwischen den verschiedenen Fraktionen seiner Geheimpolizei zu beenden. Außer Turek sind weitere Geheimdienstler, die die Fahndung nach Gotovina sabotierten, entlassen worden. Und gerade diejenigen Geheimpolizisten, die Turek beschattete und als Verräter beschuldigte, sind neue Berater des Präsidenten für die Zusammenarbeit mit dem Haager Tribunal geworden. Für Željko Peratović und seine Journalisten-Kollegen, die ins Kreuzfeuer der Schlapphüte geraten sind, ein schwacher Trost. Ihre berufliche Reputation bleibt geschädigt, solange ihre Bemühungen um Aufdeckung der Kriegsverbrechen in Kroatien als Landesverrat abgestempelt werden.

O-TON (3) Übersetzung:

Ich glaube, daß wir unseren Kampf bis zum bitteren Ende durchstehen müssen. Auch Journalisten sollen ihre Genuugtung bekommen. … Mesić will die Geheimdienstler, die Turek verfolgt hat, an sich binden. Wir Journalisten werden wieder alleingelassen, mißbraucht als Kanonenfutter in einem internen Kämpf der kroatischen Geheimdienste. Deswegen müssen wir darauf bestehen, daß diese Affäre endgültig aufgeklärt wird, daß sich die Regierung bei uns öffentlich entschuldigt und erklärt, daß wir keine Spione sind, sondern Journalisten, die ihre Aufklärungsaufgaben ernst nehmen.

Leave a Reply

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

  1. Pingback: Enthüllungsjournalist verhaftet: Peratović durchleuchtete Clique um Staatspräsident Stjepan Mesić - 45 Lines DE