Vergangenheitsbewältigung in Kroatien: Peratović in der Lage des Don Quichotte

Peratović befindet sich schon seit Jahren gewissermaßen in der Lage des Don Quichotte (in Kroatien). Nur die Windmühlen, mit denen er sich herumschlägt, sind keine Trugbilder, sondern Leute in Positionen, die diese Positionen verteidigen, indem sie die Wahrheit entmutigen.

Novi list, 27 August 2005.

Gefährliche Verbindungen

Slobodan Šnajder Milan Levar Željko Peratović

 

 

 

 

 

 

Von Slobodan Šnajder*

Wissen ist Ohnmacht

Morgen jährt sich zum fünften Mal der Tag des hinterhältigen Mordes an Milan Levar. Fünf Jahre! Wie die Zeit vergeht! Zehn Jahre ist die Operation Gewitter her, volle fünfzehn Jahre die Auflösung der einstigen staatlichen Gemeinschaft, die uns so teuer zu stehen gekommen ist. Aber die Fragen und die Zweifel wollen einfach nicht weniger werden. Im Gegenteil: Sie werden immer mehr. Die Fragen sollen in regelmäßigen Abständen wieder aufgeworfen werden – zum Beispiel aus Anlass dieses oder jenes Jahrestages. Sie kommen wieder, wie die Verbrecher an den Ort ihrer Tat zurückkehren, weil das für sie der Ort einer unbegreiflichen Anziehung ist. Fragen als Verbrechen? Sind Fragen über Verbrechen selbst Verbrechen? Soll man sie also verschweigen? Wegscheuchen? Entfernen? So verschwinden die Fragen, und jetzt werde ich das wenigstens denen noch einmal denen vorführen, die das überhaupt interessiert. Wer in Kroatien fragt, ist ein Vagabund. Und am Ende wird die Dunkelheit ihn verschlingen.

Wen das alles interessiert, der kann in meinem Buch zum Begräbnis von Milan Levar vor fünf Jahren Folgendes lesen: “Milan Levar wird unter den Augen nur sehr weniger Menschen in sein Grab hinuntergelassen, und mehr oder weniger schweigend. Über der Erde der Staat hat geschwiegen. Ebenso hat die kroatische Gesellschaft, noch immer in vornehmer Trauer aus Anlass eines ganz anderen Begräbnisses (einer tragisch umgekommenen Schauspielerin), es vorgezogen, die Beisetzung aus der Ferne zu beobachten. Nur die Polizei hat sich auf verschiedene Art und Weise tiefer über die Erde gebeugt. Sie hat den Verstorbenen gehütet wie ein wertvolles Schmuckstück, damit er wieder zum Leben erwacht. Milan Levar wurde im Hass beerdigt, am letzten Tage des Monats August, der auch sonst nichts Gutes gebracht hatte.” (Sterben unter dem Stern, S. 97. Der Text trägt das Datum 4. September 2000.) Und das sollte noch hinzugefügt werden:
Sei der kroatische Hass dir leicht! – wo du unter ihm schon begraben liegst. An der selben Stelle, jetzt im Buch, habe ich die Spuren don Đapićs stillem Triumph festgehalten, was sich so las: “Levar musste wissen, was ihn erwartete! Er hat bekommen, was er wollte!”

Ist also aus der Fünfjahresperspektive alles in Ordnung? Levar hat bekommen, was er suchte. Dabei bekommen ja in Kroatien nicht alle alles, was sie wollen, bei Weitem nicht. Bis vor Kurzem wimmelte der Markusplatz (in Zagreb, d.Ü.) von Menschen, die etwas wollten, es aber nicht bekamen. Aber der Lehrsatz des Đapić aus dem lange zurückliegenden Jahr 2000 ist kristallklar: Levar und seinesgleichen fallen in die kleine Gruppe derer, die damit rechnen müssen, dass sie bekommen, was sie wollen.

Was wollte denn Milan Levar?

Nichts für sich selbst. Er wollte nur ein offenes Ohr für das, dessen Zeuge er wohl oder übel geworden war – für das, was er gesehen hatte und womit er nicht in Frieden leben konnte. Am Ende dann haben sie ihn überhaupt nicht einmal leben lassen. Sein innerer Unfriede wurde beruhigt, er wurde, nach Anto Đapić, zufriedengestellt zufriedengestellt dh. beruhigt wurden auch jene, die Levar – würde er noch leben – sehr beunruhigen würde, von Zeit zu Zeit.

Erinnerungen an die Zukunft

Und nun: Fünf Jahre verstreichen. Der Titel der Kolumne hieß: “Wer ist der Nächste?” – an der Reihe der zu Beruhigenden und Zufriedenzustellenden. Und weiter steht da: “Wir, die wir Levars Begräbnis für einen schändlichen Skandal, geradezu genauso fürchterlich wie die Tatsache seiner hinterhältigen Ermordung durch die Hand des kroatischen Faschismus, wir sind allein mit dieser unserer Ansicht schon selber Kandidaten für die Ewigkeit, an die wir, nebenbei gesagt, nicht glauben. Ich weiß nicht, wo Levars Seele jetzt ist, außer vielleicht in einer Erinnerung an die Zukunft eines ganz anderen Landes, das, wie die Dinge heute stehen, seinen Namen in diese Zukunft mitnehmen kann.”

Fragen wir noch einmal: Wo ist Levars Seele jetzt?
In der langen Zeit zwischen dem Begräbnis und heute sind politische Garnituren und Koalitionen über unsere Köpfe hinweggebraust, die Geheimdienste wurden durchgelüftet, schwer war der Kampf für die Wahrheit, die ganze und endgültige Wahrheit (zum Beispiel über den “Vaterländischen Krieg”, zum Beispiel über die dunklen Hintergründe von Gospic und anderen Ereignisse), gewaltig erbebte der kroatische Olymp … aber das Mäuschen Wahrheit ist nirgends zum Vorschein gekommen. Fünf Jahre! Das ist länger als bei uns der Zweite Weltkrieg gedauert hat. Eine halbe Dekade der Manipulationen, der Einschüchterungen, des Schweigens … besonders bei der Frage und die ganze und endgültige Wahrheit!

Fünf Jahre also. Levars kleiner Sohn bekam das Fahrrädchen aufgedrängt, das er sich so sehr gewünscht hatte, seiner Witwe so etwas wie eine bescheidene Rente – das erinnert mich alles an den wunderlichen Ausgleich mit den Angehörigen der Familie Zec, Opfer eines früheren “Erfolges” des kroatischen Faschismus (wie die Todesschwadronen in der Kolumne des Jahres 2000 korrekt bezeichnet wurden). Fahrrad + Rente = BLUTGELD. Vielleicht wäre es im Sinne der Durchschaubarkeit dieses Handels nicht schlecht, wenn der Staat eine Preisliste derartiger Arrangements erlassen würde, vielleicht mit Hilfe einer Parlamentskommission unter Vorsitz von Anto Đapić, nach Möglichkeit dem aus dem Jahr 2000. (Wenngleich seine jüngsten Aussagen im Fall Glavaš relativ ähnlich klingen.) Allerdings könnte Levars kleiner Sohn eines Tages selbst etwas fragen, etwas sehr Unangenehmes: Wie der Vater ihm sein Fahrrad besorgt hat.

Željko Peratović während seiner Arbeitszeit bei Vjesnik

Željko Peratović während seiner Arbeitszeit bei Vjesnik in Zagreb, Kroatien

Peratović in der Lage des Don Quichotte

Mit dem erwähnten Blutgeld hat der Staat, der sich am Tage des Levar-Begräbnisses einige andere Feierlichkeiten aus dem Angebot aussuchte, seinen riesigen, ausschlaggebenden Anteil an der Schuld zugegeben, die darin bestand, dass er den Mann, der zuviel wusste, nicht beschützt hat; den Mann, der über das, was er gesehen hatte, zu sprechen begonnen hatte, was in Kroatien im Großen und Ganzen eine atypische Entwicklung ist. Einer derjenigen, die auf eigene Initiative und im Geiste des investigativen Journalismus, einige Fakten über die hinterhältige Ermordung Levars zusammengetragen haben, ist der mehrfach ausgezeichnete Journalist Željko Peratović. In der Journalistenbranche gilt er heute sicher als einer der Kompetentesten, was das angeht, was man über Levar weiß, aber nicht wissen sollte. Er weiß zum Beispiel, wie die Liquidierung angekündigt wurde und wer sie angekündigt hat. Viele Male hat er den Zuständigen vorgeschlagen, Ermittlungen aufzunehmen, und gebeten, ja gebettelt, dass man auch ihm zuhört und dass er jemandem, der im System der “Aufklärung” an einem entscheidenden Hebel sitzt, sagen konnte, was er wusste. Aber sein Wissen war nicht willkommen. Peratović befindet sich schon seit Jahren gewissermaßen in der Lage des Don Quichotte. Nur die Windmühlen, mit denen er sich herumschlägt, sind keine Trugbilder, sondern Leute in Positionen, die diese Positionen verteidigen, indem sie die Wahrheit entmutigen. Die Wahrheit über den Mord an Levar – der ganz offensichtlich die Frucht der Zusammenarbeit von hochgestellten Mächtigen und gemeinen Schlächtern und Mördern war – braucht scheinbar niemand. Mehr noch, sie ist so gefährlich, dass man sie wie ein Staatsgeheimnis (oder sollte man sagen: wie eine Staatsschande) in der Krypta staatlicher Interessen und Ansprüche bewahrt. In seiner solchen Situation ist Wissen tatsächlich Ohnmacht. Mehr noch: Es ist gefährlich.

Peratović hat die Gelegenheit, diese Tatsache mit der teuren Methode der eigenen Haut zu belegen: Rasch wurde ihm die Entlassung beim “Vjesnik” ausgehändigt, diesem staatlichen Hüter staatlicher Interessen und Wahrheiten, mit Erklärungen, die das Wasser nicht halten. Er hat in (der Wochenzeitung) Feral Tribune ein Interview veröffentlicht, für das seine eigene Redaktion kein Interesse hatte! Das konnte als Anlass dienen (Interessenkonflikt), aber der wahre Grund liegt darin, dass Peratović auf Tatsachen, Namen, gefährlichen Verbindungen zu insistieren pflegte, die er dann – mit eigenen Recherchen – durchtränkt hat, insbesondere über die Ereignisse von Gospić und ähnliche Düsternisse. Im Entlassungsschreiben streiten sie ab, dass er ein guter Journalist sei. Die Welt denkt darüber anders. In einem erzürnten Schreiben erinnern die “Reporter ohne Grenzen” den Direktor des Vjesnik (Franjo Maletić) daran, dass Peratović gerade für seine Recherchen mit hohen internationalen Auszeichnungen bedacht wurde, darunter auch dem der eigenen Organsiation (er bekam den Press Freedom Award 2003). Wie in ähnlichen Fällen ist die einzige Chance für die Wahrheit, dass sein Fall sich internationalisiert. Staatliche Zeitungen werfen jeden aus ihren Reihen hinaus, der dem Staat, dem die Zeitung gehört, unangenehm wird. Das ist nichts Neues, aber man muss wissen, um was für einen Staat und was für eine Wahrheit es sich hier handelt. Auf eine Weise (besser: auf jede mögliche Weise) setzt sich, fünf Jahre nach Mord und Begräbnis, der Skandal der Abwesenheit, des Nicht-Geschehen-Seins, des Fernbleibens des Staates fort.

* Slobodan Šnajder ist Dramatiker und Intendant, geboren 1948 in Zagreb, Kroatien, studierte Philosophie und Anglistik an der Universität in Zagreb. Er veröffentlicht seit 1967 Dramen, Novellen und Essays. Seit 1968 ist Slobodan Šnajder Mitbegründer und langjähriger Redakteur der Theaterzeitschrift „Prolog“ sowie langjähriger Kolumnist der „Novi list“ (Tageszeitung von Rijeka). Seine Stücke sind u.a. „Der kroatische Faust“, „Die Schlangehaut“, „Der Trost der nördlichen Meere“, „Ham, ein Todeslauf“, „Gamllet“, „Bauhaus“.