Željko Peratović hat mit seinen Enthüllungen mehr für Kroatien getan als so mancher so genannte Kriegsheld

Wir mögen versucht sein, in Željko Peratović auch den ganzen unabhängigen Journalismus zu ehren, in ihm also auch ein bisschen uns selbst. Ich möchte davor warmen. Wir müssen hier vor allem ein Lob der Treue und der Sturheit singen, und das sind keine journalistischen Tugenden.

Nachdem Mirko Galić mich aus Globus vertrieben hatte, arbeitete ich einige Zeit im wöchentlichen “Fokus”. Aus dem Redaktion “Fokus” sprach ich mit Milan Levar am Telefon mittags am 28. August 2000. Einige Stunden später wurde er von einer Bombe im Hinterhof des Hauses seiner Mutter in Gospić getötet.

Ich konnte damals nicht wissen, dass Ivan Mikulić (Bruder des Fokus-Verlegers Marinko Mikulić) als der Beamte des SZUP (Dienst zum Schutz der Verfassungsordnung), während des Krieges, Gospić und den Kriegsverbrecher Tihomir Orešković besuchte.

Wenn Levar getötet wurde, fiel sofort der Öffentlichkeit Verdacht auf Orešković. Ivan Mikulić dann einmal besuchte den Fokus-Redaktion in der Gesellschaft von seinem jüngeren Bruder Marinko und dann wurde ich gefeuert und in diesem Wochenzeitschrift.

 

Željko Peratović, Ivan Mikulić, Jasna Babić, Tihomir Orešković, Ivan Mikulić, Ante Karić

Dieses Kriegsfoto wurde von Tihomir Orešković (mit dem Bart) im Februar 1992 zum Jasna Babić zum ersten Interview in “Globus” gegeben. Links von Ante Karić (mit Gläsern) ist der verstorbene Bürgermeister von Koprivnica und der Beamte des SZUP (Dienst zum Schutz der Verfassungsordnung), Ivan Mikulić.

In der Vjesnik-Tageszeitung kam ich 2001 zum dritten Mal. Dieses Mal bekam ich einen Job in “Vjesnik” dank Barde der kroatischen Journalismus Božidar Novak, die der Vorsitzende des Aufsichtsrats war.

In Vjesnik habe ich unter der Kontrolle der Regierung dieselbe Regierung kritisiert, weil sie nichts unternimmt, um den Mord an Milan Levar zu bestrafen, und weil sie generell eine lauwarme Haltung gegenüber Verbrechen aus der kroatischen Vergangenheit hat.

Irgendwann Mitte 2003 traf ich der besten Expert über dem Balkan Situation, deutscher Journalist Norbert Mappes-Niediek. Er schätzte meine Arbeit und das Weltbild und nominierte mich für den Press Freedom Award – Signal für Europa 2003 – ROG Österreich.

Norbert nahm meine in Globus veröffentlichten Kriegsverbrechertexte mit, bis Mirko Galić für Chefredakteur kam, sie ins Deutsche übersetzte und sie an die Jury schickte.

Ich habe diese Auszeichnung mit zwei anderen Kollegen aus Serbien geteilt: Jelena Bjelica und Miša Vesić. In der Begründung der Jury für meine Arbeit heißt es:

'eljko Peratoviä, Albert Rohan, Jelena Bjelica, Milorad Vesić, Rubina Möhring

Albert Rohan, der früherer Generalsekretär im österreichischen Außenamt und Sprecher der Jury, Jelena Bjelica, Željko Peratović, Miša Vesić und , Rubina Möhring, Geschäftsführende Präsidentin – Reporter ohne Grenzen Österreich.

[box type=”custom” color=”#000000″ bg=”#cc8b7e” border=”#311aa5″]Aufgearbeitet. Željko Peratović ist einer der ersten Journalisten aus einem Nachfolgestaat der ehemaligen Republik Jugoslawien, der offen und ausführlich über die Kriegsverbrechen der eigenen Seite berichtet hatte. Er schrieb Anfang der 90-Jahre in den kroatischen Wochenzeitungen “Nacional” und “Globus” über jene Gräuel, die kroatische Truppen 1991 in der nord-dalmatischen Kleinstadt Gospić an Serben begangen hatte. Er schrieb dies in einer Zeit, in der 80 Prozent der Bevölkerung der Meinung waren, dass es keine kroatischen Kriegsverbrechen im Rahmen der “Abwehr serbischer Aggression” gegeben haben könne.

Es war ein Augenzeugen in Gospić, der Željko Peratović auf die Spur gebracht hatte. Milan Levar, der später auch offen vor dem Haager Tribunal gesprochen hatte. Im Jahr 2000 wurde er deshalb zuhause in Kroatien ermordet. Auch Željko Peratović wurde wegen seiner Artikel in Zagreb von einem durch die Justiz unbehelligt gebliebenen Kriegsverbrecher körperlich attackiert. Den Zeitungen, für die er damals schrieb, wurde er schließlich lästig. Željko Peratović wurde entlassen. Heute schreibt er für die Tageszeitung “Vjesnik”.

“Dieser Preis ermutigt mich, weiterhin die Kriegsverbrechen zu recherchieren und darüber zu schreiben”, so Željko Peratović anlässlich der Preisverleihung am 18. Jänner in Wien. “Denn Kriegsverbrechen sind für mich das grundlegende Element, das all diese Verbrechen wie Mord, Korruption, Kriminalität und Wirtschaftskriminalität verbindet. Und wir wissen auch, dass viele spätere Wirtschaftskriminelle Kriegsverbrechen begangen haben – nicht nur in Kroatien, auch in Bosnien und Serbien. “[/box]

 

Željko Peratović, Norbert Mappes-Niediek

Norbert Mappes-Niediek und ich im Festsaal des Palais Schwarzenberg / Foto Monika Morawetz für den ROG – Österreich.

 

Norbert hielt dann die nächste Rede:

[box type=”custom” color=”#000000″ bg=”#cc8b7e” border=”#311aa5″]Aus Laudatio für Željko Peratović von Norbert Mappes-Niediek

Liebe Festgäste!

Wir ehren heute mit Željko Peratović hier den ersten Journalisten aus einem Land des früheren Jugoslawien, der off en und ausführlich von Kriegsverbrechen der eigenen Sei te berichtet hat. Das hat er zu einer Zeit getan, als 80 Prozent der kroatischen Bevölkerung einer Umfrage zufolge der Meinung waren, dass kroatische Kriegsverbrechen diesem Krieg definitorisch ausgeschlossen seien: Was ein Kroate zur Abwehr der serbischen Aggression auch immer unternehme, dachte man damals, sei gerechtfertigt – eine irrige, aber auf der ganzen Welt anzutreffende Meinung.

Peratović hat sich ihr nicht auf der Ebene des Leitartikels gestellt, wo dieser Meinung sonst von Zeit zu Zeit widersprochen wird. Er hat vielmehr recherchiert und beschrieben, was 1991 mit den Serben in der norddalmatinischen Kleinstadt Gospić geschehen ist. Er hat sich mit niemandem um die passenden Begriffe für dieses Geschehen gestritten. Er hat es einfach beschrieben, die Leser bei der Hand genommen, sie ins Gospić des Herbstes 1991 geführt und sie dort selber seh en lassen, sie selber erschrecken lassen, auch vor sich selbst.

Es waren Texte im Stil der kroatischen Wochenzeitungen der neunziger Jahre, im “Nacional” oder später in “Globus”, in Blattern, die öffentliche Meinung prägten. Meistens ging es auf deren Seiten um tatsächliche oder vermeintliche Politikerskandale, um die Wohnung, die sich jemand auf Staatskosten hatte renovieren lassen – Texte, die mit Titelschleifen wie “Sensation” oder “Super Exclusive” angekündigt wurden und deren Überschriften nie ohne Ausrufezeichen auskamen.

Diese Umgebung hat den Texten von Željko Peratović, so paradox es klingt, die besondere Wirkung gegeben. Sie wirkten auf den Seiten der Wochenblätter anfangs wie eingeschmuggelt. Hier war man doch gewohnt zu lesen, was der Durchschnittskroate dachte! Und dann so etwas!

Natürlich ist Željko Peratović rasch und dann immer wieder des nationalen Verrats bezichtigt worden. Dabei hat er mit seinen Enthüllungen mehr für Kroatien getan als so mancher so genannte Kriegsheld. Kroatien war, nachdem es sich über die Taten der eigenen Leute in Gospić empört hatte, von einer Kriegspartei zu einer Nation geworden. Erst jetzt war Kroatien ein gesellschaftliches Ganzes, nämlich ein Wesen, das sich aus Gut und Böse, aus rechts und links zusammensetzte. Nationen entstehen nicht durch Beschwörung.

Vierzig Jahre lang etwa haben die Machthabenden der DDR dem Volk einzureden versucht, es sei eine neue, sozialistische Nation. Aber weil dieser Gesellschaft das abgetrennte rechte Bein nicht nachwachsen durfte, konnte das Gebilde nie aufrecht und sicher stehen. Umgekehrt war aus der Bundesrepublik Deutschland, dessen Volk sich ja nach dem Willen sei ner Mächtigen immer nur als halbe Nation verstehen sollte, in dem Moment aus einer kalten Kriegspartei zu einer Nation geworden, als ihr in der Studentenbewegung des Jahres 1968 das abgetrennte linke Bein nachwuchs. Sie sehen: die eigentlichen Nationsgründer sind nicht die, die sich darum halten. Und sie bleiben meistens unbedankt.

Wir mögen versucht sein, in Željko Peratović auch den ganzen unabhängigen Journalismus zu ehren, in ihm also auch ein bisschen uns selbst. Ich möchte davor warmen. Wir müssen hier vor allem ein Lob der Treue und der Sturheit singen, und das sind keine journalistischen Tugenden.

Željko hat ihm zugehört und sich sein Anliegen nach und nach zu eigen gemacht ohne die kritische Distanz zu seiner Quelle je aufzugeben. Es gehörte auch für die Chefredaktion des “Globus” anfangs einiger Mut dazu, die Texte von Željko zu veröffentlichen…[/box]

Norbert ist heute mein bester Freund. Er ist nicht nur der beste Journalistenexperte aus dem deutschsprachigen Raum für die Situation auf dem Balkan. Der Kern von Norberts Charakter beruht auf dem reinsten Gefühl der Solidarität für Anderen. Ein solcher Charakter ist heute selten. Eine Seltenheit ist heute und ernsthaft, humanistischer Journalismus, von dem gibt Norbert nicht auf.

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